Streitwert
Nimm cuantía, wenn der Streitwert als Wert des Verfahrens gemeint ist, nach dem sich Zuständigkeit, Verfahrensart und Rechtsmittel richten; cuantía de la demanda, wenn der Wert einer bestimmten Klage beziffert wird. Valor en disputa ist eine Lehnübersetzung. Im Zweifel entscheidet, ob allgemein vom Wert die Rede ist oder von der Zahl in einer Klageschrift.
Am Streitwert hängt in Deutschland fast alles, was ein Prozess kostet und wo er stattfindet. Er bestimmt die Gerichtsgebühren und die gesetzlichen Anwaltsgebühren, und er entscheidet über die Eingangsinstanz: bis zehntausend Euro ist inzwischen das Amtsgericht zuständig, darüber das Landgericht mit Anwaltszwang. Die spanische cuantía hat einen anderen Schwerpunkt. Nach Artikel 251 der dortigen Prozessordnung bemisst sie sich nach dem wirtschaftlichen Interesse der Klage, und sie entscheidet vor allem über die Verfahrensart, denn Klagen bis fünfzehntausend Euro laufen nach Artikel 250 im mündlichen Verfahren, dem juicio verbal. Anwaltshonorare sind in Spanien grundsätzlich frei vereinbar und folgen keiner gesetzlichen Tabelle. Ein spanischer Leser versteht deshalb nicht von selbst, warum in einem deutschen Verfahren so erbittert um den Streitwert gestritten wird.
Valor en disputa und valor del litigio sind Lehnübersetzungen; die Ley de Enjuiciamiento Civil sagt cuantía.
Gegenstandswert ist außergerichtlich dasselbe und ebenfalls cuantía; importe ist nur ein Geldbetrag ohne prozessuale Funktion.
Der Streitwertbeschluss hat kein festes spanisches Gegenstück; die Übersetzung umschreibt ihn als Entscheidung über die cuantía.
Kosten sind costas, wenn das Gericht sie einer Partei auferlegt, und gastos, wenn nur Auslagen gemeint sind; mit dem Streitwert hängen in Deutschland beide zusammen.
Kostenrechnungen deutscher Gerichte und Anwälte beginnen mit dem Streitwert, und der spanische Mandant, der sie bezahlen soll, will die Rechnung nachvollziehen. Er kennt frei ausgehandelte Honorare und fragt, warum die Rechnung einer Tabelle folgt, deren Eingangsgröße ein vom Gericht festgesetzter Wert ist. Steht in der Übersetzung nur ein Betrag in Streit, hält er ihn für die Klageforderung und versteht nicht, dass ein Feststellungsantrag oder eine Unterlassung ebenfalls einen Wert bekommt, der weit darüber liegen kann.
Valor en disputa oder valor de la controversia schreibt die Maschine für „Streitwert“, Bildungen nach englischem Muster, die ein spanischer Jurist entziffert, aber nicht verwendet. Den Begriff seines eigenen Prozessrechts erkennt er darin nicht sofort, und die Verbindung zu Verfahrensart und Rechtsmitteln stellt er nicht her. Bei Anträgen ohne Geldbetrag wird es schlimmer: der Streitwert einer Unterlassungsklage erscheint als Wert eines Streits, den es in Euro gar nicht gibt. Die Zahl steht dann beziehungslos im Text, und mit ihr die Kostenfolge.
Der Begriffsraum erklärt Sprache, nicht den Einzelfall. Er ersetzt keine Rechtsberatung. Bei rechtlich verbindlichen Dokumenten sollte die Übersetzung fachkundig geprüft werden.